Ihr digitales Vermögen kennt keine Grenzen. Ihr Nachlass-Plan leider auch nicht.
Als Expat haben Sie Konten in Deutschland, Krypto in der Schweiz und E-Mail bei einem US-Anbieter. Erfahren Sie, wie Sie eine grenzüberschreitende digitale Vermögensübersicht erstellen, bevor es zu spät ist.
Der Anruf, den niemand erwartet
Lena war Steuerberaterin. Sie kannte sich mit Finanzen aus, besser als die meisten. Als ihr Mann Thomas nach einem Herzanfall ins Krankenhaus eingeliefert wurde, dachte sie, sie könne alles regeln.
Was sie nicht wusste: Thomas hatte sein digitales Leben über vier Länder verteilt.
Ein Konto bei der Deutschen Bank in Frankfurt. Kryptowährungen auf einer Schweizer Börse. Eine Domain beim irischen Registrar. Kundenrechnungen über eine britische Plattform. E-Mails bei Google — rechtlich unter irischem und amerikanischem Recht.
Lena verbrachte drei Monate damit, herauszufinden, was Thomas besaß. Nicht weil er etwas verbergen wollte. Sondern weil er nie aufgeschrieben hatte, was er hatte.
Thomas überlebte. Aber das Erlebnis ließ sie beide nicht mehr los.
Der digitale Fußabdruck des deutschen Expats
Deutschland hat eine der solidesten Rechtsgrundlagen für digitale Erbschaft in Europa. Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs von 2018 gilt: Digitale Konten sind vererbbar, genauso wie physische Vermögenswerte. Erben treten vollständig in die vertragliche Beziehung ein — sie erben nicht nur „Zugang", sondern die gesamte Rechtsposition.
Das ist eine starke Grundlage. Aber sie hilft nichts, wenn Ihre Erben nicht wissen, was zu erben ist.
Bedenken Sie, was ein typischer Expat in Deutschland angesammelt hat:
- Bankkonten: Hausbank in Deutschland (Sparkasse, DKB, ING), Konto im Heimatland, vielleicht Wise oder N26 — letzteres in Litauen reguliert
- Wertpapiere: Trade Republic oder Scalable Capital (Deutschland), vielleicht ein Depot aus einer früheren Zeit in London
- Kryptowährungen: Bison (Stuttgart), Bitpanda (Wien), Kraken (Dublin/USA) — jeder unter einem anderen Rechtsrahmen
- Unternehmerisches: Stripe-Zahlungen, ein Shopify-Shop, eine .de-Domain beim deutschen DENIC, eine .com-Domain in den USA
- Cloud-Dienste: Google Workspace, iCloud, Dropbox — alle in den USA oder Irland beheimatet, dem US-amerikanischen Recht unterworfen
- Sonstiges: Rentenplatformen, Bausparverträge mit digitalen Zugängen, Krypto-Hardware-Wallets
Das deutsche Erbrecht gibt Ihren Erben das Recht auf all das. Aber das Recht auf etwas und die Fähigkeit, es tatsächlich zu erreichen, sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Warum das Erbscheinverfahren nicht ausreicht
Wenn Sie in Deutschland sterben, stellt das Nachlassgericht einen Erbschein aus. Dieses Dokument legitimiert Ihre Erben gegenüber deutschen Institutionen.
Aber hier beginnt die Komplexität für grenzüberschreitende digitale Vermögen:
Schweizer Krypto-Börsen verlangen eigene Nachweisdokumente nach FINMA-Richtlinien. Ein deutscher Erbschein wird anerkannt, aber die Prozesse sind separat und zeitaufwendig.
US-amerikanische Tech-Konzerne — Google, Apple, Microsoft — unterliegen dem Stored Communications Act. Dieser schränkt die Weitergabe von Kontoinhalten an Dritte erheblich ein, selbst wenn eine europäische Erbfolge eindeutig festgestellt ist.
Britische Plattformen nach dem Brexit: Frühere EU-Regelungen gelten nicht mehr. Britische FCA-regulierte Plattformen haben eigene Nachlass-Prozesse.
Irische Unternehmensregistrierungen: Da viele US-Konzerne ihre europäische Zentrale in Irland haben, fallen europäische Nutzer oft unter irisches Datenschutzrecht — was wieder ein eigenes Procedere erfordert.
Der EU-Erbrechtsverordnung (EU 650/2012) hilft bei physischen Vermögenswerten erheblich. Bei digitalen Assets greift sie oft nicht oder nur begrenzt.
Die digitale Vermögensübersicht: Was hinein muss
Eine grenzüberschreitende digitale Vermögensübersicht ist kein Zettel mit Passwörtern. Es ist ein strukturiertes Dokument, das Ihren Erben alles gibt, was sie brauchen.
Für jeden digitalen Vermögenswert dokumentieren Sie:
1. Was es ist Plattformname, Art des Vermögenswerts (Konto, Krypto, Domain, E-Mail, Investition), ungefährer Wert oder Bedeutung.
2. Wo es rechtlich angesiedelt ist Registrierungsland, anwendbares Recht, zuständige Aufsichtsbehörde. Ein Konto bei der Deutschen Bank in Frankfurt unterscheidet sich grundlegend von einem Kraken-Account unter irischem Recht.
3. Nachweis der Eigentümerschaft Kontonummern, Referenznummern oder Identifikatoren, mit denen Ihre Erben den Zugangsprozess einleiten können. Nicht unbedingt das Passwort — aber genug, um anzufangen.
4. Zuständige Kontakte und Prozesse Hat die Plattform ein spezielles Todesfallverfahren? Gibt es eine Rechtsabteilung? Wo ist der Nachlass-Support? Manche Plattformen haben eine eigene E-Mail-Adresse; dieses Wissen spart Monate.
5. Ihre Wünsche Schließen, übertragen, liquidieren, bewahren? Lassen Sie Ihre Erben nicht raten.
6. Besondere Zugangsvoraussetzungen Zwei-Faktor-Authentifizierung, Hardware-Wallets, Sicherheitsschlüssel — Hindernisse, die den Zugang blockieren, selbst wenn alle anderen Dokumente vorliegen.
Das Sprachproblem
Dieser Aspekt wird chronisch unterschätzt.
Stellen Sie sich vor: Sie sind Deutscher, leben in Amsterdam, und sterben. Ihre Frau muss nun:
- Mit Ihrer niederländischen Hausbank auf Niederländisch korrespondieren
- Eine Schweizer Krypto-Börse auf Deutsch oder Französisch anschreiben
- Google auf Englisch über ein irisches Rechtsdok kontaktieren
- Ihre deutsche Rentenversicherung auf Deutsch abwickeln
Viele Angehörige sprechen nicht mehrere Sprachen. Viele Nachlassanwälte kennen sich mit grenzüberschreitenden digitalen Nachlässen nicht aus. Dieses Spezialgebiet steckt noch in den Kinderschuhen.
Ihre digitale Vermögensübersicht sollte auch Sprachhinweise enthalten: In welcher Sprache kommuniziert die Plattform? Gibt es übersetzte Formulare? Sind notarielle Übersetzungen von Dokumenten erforderlich?
Der Unterschied zwischen Wissen und Zugang
Das ist der entscheidende Punkt, den die meisten Ratgeber übersehen: Zu wissen, dass etwas existiert, ist nicht dasselbe wie darauf zugreifen zu können.
Sie können in Ihrem Testament schreiben „Ich habe ein Konto bei Bitpanda" — aber wenn Ihre Erben weder Ihre E-Mail-Adresse noch Ihr Telefon noch Ihren 2FA-Code haben, sind sie ausgesperrt. Das Konto existiert rechtlich, ist aber praktisch unerreichbar.
Ihre digitale Vermögensübersicht muss entweder die Zugangsdaten enthalten oder auf einen sicheren Ort verweisen, an dem diese hinterlegt sind. Genau das ist das Problem, das digitale Tresore lösen sollen.
Drei Schritte für heute
Sie müssen nicht alles auf einmal perfekt lösen.
Schritt 1: Bestandsaufnahme. Nehmen Sie sich 30 Minuten und schreiben Sie alle digitalen Konten auf, die finanziellen oder sentimentalen Wert haben. Filtern Sie nichts — alles kommt auf die Liste.
Schritt 2: Registrierungsland notieren. In welchem Land ist jede Plattform gemeldet? Welches Recht gilt? Sie müssen kein Jurist sein — ein grobes Bild reicht.
Schritt 3: Zuständige Person benennen. Wer kümmert sich darum, wenn Sie es nicht können? Partner, erwachsenes Kind, Vertrauensperson? Verschiedene Konten erfordern möglicherweise verschiedene Personen je nach technischer oder rechtlicher Kompetenz.
Diese drei Schritte lösen nicht alles. Aber sie geben Ihren Erben eine reelle Chance.
Lena und Thomas verbrachten einen Sonntagnachmittag damit, ihre digitale Vermögensübersicht gemeinsam zu erstellen. Sie fanden Konten, die sie seit Jahren vergessen hatten. Sie stellten fest, dass sie zu drei ihrer wichtigsten Finanzkonten keinen gemeinsamen Zugang hatten. Und sie erkannten, dass ihre gesamte Planung implizit davon ausgegangen war, dass digitale Vermögenswerte in einem einzigen Land bleiben.
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