Cloud-Gaming und Erbschaft: Was mit Ihrer digitalen Spielebibliothek nach dem Tod passiert
PlayStation Plus, Xbox Game Pass und Nintendo Switch-Konten können nach deutschem und europäischem Recht in den meisten Fällen nicht vererbt werden. Was Expats und datenschutzbewusste Gamer jetzt wissen und tun müssen.
Ihre Spielebibliothek ist Tausende Euro wert — und Ihre Familie bekommt nichts davon
Denken Sie an die Spiele, die Sie im Laufe der Jahre gekauft haben. Die Käufe im PlayStation Store. Die Xbox-Titel, die Sie gesammelt haben. Die Nintendo-Spiele, die an Ihr Switch-Konto gebunden sind. Die Steam-Bibliothek, die Sie seit Jahren aufgebaut haben.
Stellen Sie sich jetzt vor, Ihre Familie würde nach Ihrem Tod erfahren, dass nichts davon auf sie übergehen kann.
Das ist kein Horrorszenario. Es ist die rechtliche Realität für Millionen von Gamern — und in Deutschland gibt es eine besondere Brisanz: das Erbrecht trifft hier auf amerikanische AGB.
Was das Bürgerliche Gesetzbuch sagt — und was Plattformen daraus machen
Das deutsche Erbrecht (§§ 1922 ff. BGB) ist eindeutig: Der Nachlass geht als Ganzes auf die Erben über. Das Bundesgerichtshof (BGH) hat 2018 im wegweisenden Facebook-Urteil (Az. III ZR 183/17) entschieden, dass digitale Konten — einschließlich sozialer Medien — vererblich sind. Der BGH stellte klar, dass Erben grundsätzlich Anspruch auf den Kontozugang haben.
Klingt gut, oder? Das Problem: Gaming-Plattformen sind nicht Facebook.
Sony, Microsoft und Nintendo haben ihre AGB so gestaltet, dass Konten explizit als "persönlich und nicht übertragbar" deklariert werden. Ob das BGH-Urteil auf Gaming-Plattformen anwendbar ist, ist in der Rechtswissenschaft umstritten. Und solange kein deutsches Gericht explizit gegen Sony oder Nintendo entschieden hat, leben wir in einer rechtlichen Grauzone.
Praktisch bedeutet das: Ihre Erben müssen möglicherweise klagen, um Zugang zu Ihrem digitalen Spielenachlass zu erhalten — gegen einen multinationalen Konzern mit Hauptsitz außerhalb der EU.
Warum das für Expats noch komplizierter wird
Als Expat in Deutschland, Österreich oder der Schweiz haben Sie möglicherweise Konten aus Ihrem Heimatland. Ein britischer Expat mit einem UK-PlayStation-Konto, ein amerikanischer Gamer mit einem US-Steam-Account — diese Konten unterliegen anderen Rechtssystemen.
Die EU-Richtlinien zum digitalen Binnenmarkt schützen Verbraucher in manchen Bereichen, aber der Todesfall und die digitale Erbschaft sind noch unzureichend geregelt. Das Internationale Privatrecht (IPR) entscheidet, welches Recht gilt — und die Antwort ist oft unbefriedigend.
Ihr Nachlass (der rechtliche Begriff für die Gesamtheit der vererbten Vermögenswerte) kann sich über mehrere Länder erstrecken. Ihre Erben stehen vor einem Puzzle aus deutschem Erbrecht, EU-Verbraucherrecht und amerikanischen AGB — alles gleichzeitig, mitten in der Trauer.
Was tatsächlich mit Ihrem Konto passiert
Hier ist der typische Ablauf nach einem Todesfall:
1. Die Plattform weiß nicht, dass Sie gestorben sind. Abonnements wie PlayStation Plus oder Xbox Game Pass werden automatisch verlängert, bis die Zahlungsmethode scheitert. Das ist Geld, das aus Ihrem Nachlass fließt.
2. Wenn Angehörige sich melden, stoßen sie auf eine Mauer. Keine der großen Plattformen hat ein klar strukturiertes Verfahren für den Erbfall. Manche gewähren vorübergehenden "Gedenkzugang". Eine förmliche Übertragung der Spielebibliothek gibt es nicht.
3. Gekaufte Spiele gehen verloren. Die Bibliothek, die Sie über Jahre aufgebaut haben, ist futsch. Ihre Familie kann zwar die Hardware behalten, aber die digitalen Lizenzen erlöschen.
4. Abonnementdienste sind noch klarer nicht vererbbar. PlayStation Plus, Xbox Game Pass — mit dem Tod des Abonnenten endet der Vertrag.
Der emotionale Aspekt: Gaming als gemeinsame Erinnerung
Viele Gamer teilen ihr Hobby mit der Familie. Ein Vater, der wöchentlich mit seinen Kindern online spielt. Eine Spielerin, deren Save-Files Hunderte von Stunden gemeinsamer Geschichte enthalten. Eine kuratierte Sammlung von Indie-Spielen, die über Jahre aufgebaut wurde.
Diese Save-Files. Diese Screenshots. Diese gemeinsame Gaming-Geschichte. In vielen Fällen ist all das in einem Plattformkonto gesperrt, auf das niemand sonst zugreifen kann.
Plattformübergreifende Familienfunktionen wie PlayStation Share Play oder Xbox Family Settings lösen das Erbschaftsproblem nicht — sie sind für lebende Familienmitglieder konzipiert.
Was Sie jetzt konkret tun können
Das Recht ist möglicherweise nicht auf Ihrer Seite, aber Sie sind nicht machtlos:
Dokumentieren Sie alles. Erstellen Sie ein sicheres Verzeichnis aller Gaming-Konten: Plattform, E-Mail-Adresse, Benutzername, ungefährer Wert der Bibliothek. Keine Passwörter im Klartext — nutzen Sie einen seriösen digitalen Tresor.
Halten Sie Ihre Wünsche schriftlich fest. Nehmen Sie Ihre Gaming-Konten in Ihr digitales Testament auf. Selbst wenn eine Übertragung rechtlich nicht möglich ist, braucht Ihre Familie diese Informationen als Ausgangspunkt.
Aktivieren Sie Family Sharing sofort. Wenn Ihre Familie von Ihrer Bibliothek profitieren soll, richten Sie die Freigabe jetzt ein — solange Sie können. PlayStation, Steam und Xbox bieten Account-Sharing-Funktionen, die bei lebenden Nutzern problemlos funktionieren.
Sprechen Sie mit einem Notar. In Deutschland ist der Notar Ihr Ansprechpartner für Nachlassplanung. Ein gutes Testament kann digitale Wünsche festhalten — und gibt Ihren Erben zumindest eine rechtliche Grundlage für Verhandlungen mit Plattformbetreibern.
Beachten Sie den BGH-Präzedenzfall. Das 2018er Urteil gibt deutschen Erben Argumente in der Hand. Lassen Sie sich von einem auf Erbrecht spezialisierten Anwalt beraten, ob und wie das auf Gaming-Konten angewendet werden kann.
Unterscheiden Sie zwischen Abonnement und Kauf. Abonnements (PlayStation Plus, Xbox Game Pass) sind klar nicht vererbbar. Für gekaufte Titel gibt es — gerade nach dem BGH-Urteil — zumindest juristische Argumente.
Das größere Bild: Digitale Nachlassplanung
Ihre Gaming-Konten sind nur ein Teil eines viel größeren Problems: Ihr vollständiger digitaler Nachlass.
Streaming-Dienste, Cloud-Speicher, Social Media, Kryptowährungen, Domain-Namen, E-Mail-Archive — all das hat dasselbe Problem. Der Gesetzgeber hinkt der digitalen Wirtschaft hinterher.
Der erste Schritt: erkennen, dass das wichtig ist. Der zweite Schritt: jetzt handeln — bevor Ihre Familie in einem bürokratischen Albtraum steckt, noch während sie trauert.
Ihr digitales Leben hat Wert. Behandeln Sie es entsprechend.
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